Deutsches Studienzentrum in Venedig

Derzeitige Stipendiaten

August 2022

  • mv2:k
    Kunststipendium

    Musik/Komposition
    mv2:k ist ein Stück elektroakustischer Musik mit einer Dauer von 22 Minuten, das ich vor wenigen Wochen abgeschlossen habe. Das Material des Stückes besteht aus Aufnahmen der Biblischen Schöpfungsgeschichte, die in sieben verschiedenen Sprachen eingesprochen wurde und alsdann mittels diverser Klangmodulationsverfahren, allen voran der Granulation, unkenntlich gemacht, gleichsam »musikalisiert« wurde. Während meines Aufenthaltes werde ich die Partitur zu diesem Stück schreiben. »Partitur«, das ist die schriftliche Erläuterung all dessen, was in Zusammenhang mit dem Produktionsprozess des Stückes steht (seine formale Disposition, die kompositorischen Verfahrensweisen und Techniken, sämtliche Codes und Computerprogramme, Texte usw.). Nach Fertigstellung der Partitur werde ich fortfahren mit der Komposition eines großangelegten Orchesterwerkes, an dem ich vor kurzem zu arbeiten begonnen habe und für dessen Realisierung die Kenntnis einer Programmiersprache vonnöten ist, in die ich mich während meines Aufenthaltes am Centro Tedesco einarbeiten werde.
    Von Juli 2022 bis September 2022
  • Der venezianische Löwe auf Sardinien und istrianische Flüchtlinge in Venedig
    (Dissertationsvorhaben)

    Neueste Geschichte - Prof. Larry Wolff, New York University
    Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg stand in Italien die gesamte Adriaküste im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Die Unsicherheit und das Chaos in Triest, Dalmatien, Istrien und Rijeka/Fiume erhob die Lagunenstadt zum Ankunfts- und Bezugspunkt für viele der etwa 250.000 bis 350.000 Flüchtlinge, die das Nachkriegsjugoslawien verließen. Für die staatliche Propaganda stellte Venedig die Mutterstadt dar, die die ehemaligen Kolonien aus Pula/Pola, Rovinj/Rovigno, Opatija/Abbazia usw. aufnahm. Doch in der Realität verteilten die Präfekten die meisten Flüchtlinge weiter in die etwa hundert Flüchtlingslager (Campi Raccolta Profughi), die quer durch Italien verstreut lagen. Durch die Studie einzelner Ansiedlungsprojekte in Italien und in Deutschland, untersuche ich den Einfluss des Wissenstransfers durch die Flüchtlinge auf die lebendige und die tote Umwelt. Es handelt sich um eine vergleichende Migrations- und Umweltgeschichte. Überall dort, wo sich istrianisch-dalmatische Flüchtlinge niederließen, entstand ein Stück Venedig: Auf Sardinien und in Städten wie Rom, Turin oder Lucca befinden sich noch heute Kirchen, Häuserkomplexe oder Quartiere, die dem Heiligen Markus gewidmet sind. Mit dem Verlust der physischen Heimat wurde Venedig zum Besinnungsort im kollektiven Exil.
    Von August 2022 bis September 2022
  • Patente Leute. Glasindustrie in Murano zwischen Tradition und Innovation, fama und Geheimnis
    Kunstgeschichte (Universität zu Köln, PD Dr. Henrike Haug)
    Zwischen ca. 1450 und 1800 fand auf dem Sektor der Glasherstellung in Venedig eine Vielzahl von Neuentwicklungen statt, beispielsweise die Perfektionierung von farblosem Glas, dem cristallo. Darauf folgte die Entwicklung weiterer Glasarten wie calcedonio, lattimo und avventurina – Neuerungen, die zu den segreti der Muraneser Glaskunst stilisiert und als solche rechtlich geschützt werden mussten, um Venedigs Monopolstellung in der Fertigung dieses zum Luxusgut aufgestiegenen Materials behaupten zu können. Ziel des Projektes ist es, die den Glaspatenten Venedigs inhärenten Erzählungen erstmals umfassend aus kunstwissenschaftlicher Perspektive zu diskutieren. Gleichberechtigt nimmt das Projekt Werke der Glaskunst in den Blick, die in Form von à la façon de Venise von einem regen Austauschprozess erzählen, den selbst der Erfindungsschutz nicht einzudämmen vermochte. Im Gegenteil: Gerade die Konkurrenz regte Innovationsprozesse an, die nicht immer zu einer finanziellen, dafür aber künstlerisch-technischen Vielfalt in der Muraneser Glasfertigung führten. Motive der Adaptionen, Transformationen und Imitationen rücken deshalb ins Blickfeld der Dissertation, sind sie doch den oben aufgezählten Glasarten immanent. Das Projekt zielt dabei auf eine begriffliche Schärfung der unterschiedlichen Formen der nachahmenden Aneignung – die im Kontext von künstlerischem Vermögen, von Werkstattwissen, von Techniktransfer, aber auch im Umfeld der entstehenden europäischen Märkte und im zunehmenden Austausch von Luxuswaren in Europa der frühen Neuzeit zu verorten sind.
    Von April 2022 bis September 2022
  • Zur Privatbibliothek Luigi Nonos - Zwischen Annotation und Komposition
    Justus-Liebig-Universität, Gießen, Matteo Nanni, Schönberg-Gesamtausgabe, Berlin, Hella Melkert

    Musikwissenschaft, Germanistik, Philosophie
    Die Musik des venezianischen Komponisten Luigi Nonos (1924-1990) tritt auch heute mit ungebrochener Aktualität in Erscheinung und ist weiterhin auf den internationalen Bühnen präsent. Das Archivio Luigi Nono, ansässig auf der Giudecca in Venedig, beherbergt nicht nur die autographen Quellen seiner Kompositionen und den Großteil seiner Korrespondenzen, sondern auch seine gesamte private Bibliothek. Diese umfasst in etwa 10.000 Bücher, von welchen um die 1100 Titel mit eigenhändigen Annotationen Nonos versehen sind. Wurden diese zwar bereits in einem ersten Schritt oberflächlich erschlossen, blieb eine vollständige Systematisierung und Transkription aller annotierten Seiten noch aus. Dies gilt es nun mit diesem Forschungsprojekt nachzuholen, um damit Wege für neue Interpretationsmöglichkeiten hinsichtlich Luigi Nonos Leseverhalten und möglichen, daraus resultierenden Einwirkungen auf seine kompositorische Arbeit zu legen.
    August 2022
  • Die barocke Gleichnisarie
    Monographie

    Romanistik, Übersetzungs- und Musikwissenschaft
    Das anvisierte Forschungsprojekt soll der Gleichnisarie als einem der prominentesten Versatzstücke der italienischen bzw. – genauer – der Venezianischen Barockoper gewidmet sein. Ziel des Venedigaufenthaltes ist die umfangreiche Recherche für eine Monographie über diesen Untersuchungsgegenstand, der sich an der disziplinären Schnittstelle zwischen Musikwissenschaft, angewandter Linguistik und Semiotik verortet. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf dem Serenaten-, Kantaten- und Opernschaffen des Venezianischen Komponisten Antonio Vivaldi. Die Gleichnisarie (i. d. R. eine Abgangsarie) ist eines der gestalterischen Versatzstücke einer prototypischen Barockoper, die darüber hinaus auch die Eingangssinfonia oder Ouver­türe, etliche die Handlung vorantreibende Rezitative, manche Ensembles und oft auch eingeschobene Instrumental?, Ballett- und Chorstücke beinhaltet. Vor allem die sich von der Handlung absetzenden, zur Kontemplation des Augenblicks oder zum Ausdruck der gegenwärtigen Gefühlslage eines Charakters vorgesehenen und deswegen oft als undramatisch gescholtenen Arien gehörten zum immer wieder neu verwerteten Repertoire von Komponisten und Gesangsvirtuosen. Diese führten besonders beliebte und eindrucksvolle Arien von Wirkstätte zu Wirkstätte gewissermaßen in ihrem Koffer mit und integrierten sie als Entlehnungen auch in andere Opernaufführungen (it. „arie di baule“, dt. ‚Kofferarie‘). Obwohl die heutige Forschung diese u. U. mehrfach entlehnten Stücke immer auf den jeweiligen Werkkontext beziehen und infolgedessen unter Umständen auch um- und neuinterpretieren muss, so bleibt doch die Abgeschlossenheit der Gleichnisarie als operatische Kleinform ihr wesentliches Charakteristikum. Nicht zuletzt deswegen eignet sie sich, aus einer semiotischen und medienwissenschaftlichen Perspektive betrachtet, für eine gesonderte und systematische Untersuchung.
    Von Juli 2022 bis September 2022
  • Variationen Montale Reihe i-iv
    Kunststipendium

    Literatur
    In dem Vorhaben, welches seinen Anfang im Sommer 2019 nahm, mit dem Arbeitstitel "Variationen Montale Reihe i-iv", nähern sich erzählende, essayistische und lyrische Texte immer wieder auf unterschiedliche Weise den Gedichten aus Eugenio Montales "Ossi di seppia". Es werden dabei Verbindungen geschaffen zu Gedichten anderer Autoren (z.B. Gabriele d'Annunzio, Patrizia Cavalli) oder zu Werken klassischer Musik (z.B. La Bohème von Puccini). Die entstehenden Texte, welche eine Mischung zwischen Lesevorgang des italienischen Originals, Übersetzung und Anverwandlung sind, werden ausserdem durch diese Vorgänge reflektierende Notate begleitet.
    Eines der Grundmotive der Herangehensweise bei dieser Form von Übertragung ist das Falsch- oder Danebenverstehen von Texten in der Fremdsprache, dies aber nicht verstanden als wirkliche Fehler, sondern als eine Aufmerksamkeitspraxis, die Wesenskerne der Ausgangstexte gerade dadurch unvermittelt trifft.
    Das räumliche und akustische Erleben der Stadt Venedig während den Monaten meines Aufenthaltes wird als strukturbildendes Element mit in die in diesem Zyklus entstehenden Texte eingewoben. Im Zusammenspiel haben die Texte eine gestalterische Nähe zu Partitur und Musikstücken.

    Manuskriptauszug:

    "Wie weit möchtest du auf etwas zugreifen. Wo möchtest du stolpern. Wie, oder wie weit, den Sprung von einer Sprache in die andere schaffen. Wie weit von einer Kante aufgehoben werden. Wie: als falsch gestellte Schaffung. Oder Spiegelung. Warum sich überhaupt ans Übersetztsein wenden?

    Die Frage wäre grundlegender: wann entscheidest du dich, mit der Übersetzungsfortsetzung anzufangen? Erst, wenn alle diese Sätze umformuliert sind?

    Ich will nur noch in den Bereich dazwischen kommen.
    Nicht wie ein Schlüssel fiel.

    Anstelle Übersetzen beschreibe ich eine Haltung zum Gedicht. Aus den aneinandergereihten Haltungen entstehen keine Übersetzungen. Aber es setzt sich auch niemand hin."

    Venedig, 4. Juli 2022
    Von Juli 2022 bis September 2022
  • Severo da Ravenna und die Kultur der Kleinbronze in Oberitalien
    Dissertationsprojekt
    (Universität Bonn, Prof. Dr. Georg Satzinger)

    Kunstgeschichte - Univ. Bonn, Prof. Dr. Georg Satzinger
    Kleinbronzen waren im 15. Jh. noch selten, eher singulär im Oeuvre ihrer Schöpfer und standen zumeist im exklusiven Kontext der Renaissancehöfe (Medici, Gonzaga, Sforza). In der Universitätsstadt Padua lässt sich jedoch um 1500 beobachten, dass das Interesse an dieser Gattung vor allem bei Humanisten und Kaufleuten stieg, wo neben dem gut erforschten Andrea Riccio, Severo Calzetta (gen. da Ravenna) wirkte, der nicht nur einmalig viele (>500) Kleinbronzen schuf, sondern auch für einen „freien“ Markt.

    In der Dissertation wird nun die erste historisch-kritische Biografie des Plastikers erarbeitet, wobei vor allem die nur schwach erforschte, zweite Lebenshälfte in Ravenna aufgearbeitet wird, in die Projekte für Julius II. und Isabella d’Este fallen. Ausgehend von dem Werk, das hauptsächlich aus verkleinerten Antikenkopien, figürlichen Tintenfässern, als deren Erfinder der Ravennate gelten darf und frivolen und karikierenden Darstellungen all’antica für den gelehrten Humor besteht, werden verschiedene Aspekte der humanistischen Kultur erörtert. Ein zweiter Fokus liegt auf den technischen und ökonomischen Voraussetzungen Severos, der die massenhafte Produktion von Kleinbronzen durch Vervielfältigung pionierhaft in der Kunstgeschichte organisiert hat und hierzu die Guss- und Montagetechnik seiner Stücke anpasste. Deshalb werden im Rahmen dieses Projekts erstmals in Zusammenarbeit mit den europäischen Museen im großen Stil Varianten und Repliken vermessen, um u.a. den Einsatz von direktem oder indirektem Guss zu klären. Die Bronzen Severo sind dabei im Verhältnis zu anderen Reproduktionsmedien wie dem Kupferstich zu denken.
    Von Juni 2022 bis November 2022
  • Multimediale Lichtdramaturgien im vormodernen Musiktheater. Spurensuche zu Antonio Codognato im Venedig der 1750er bis 1780er Jahre
    Post-doc/Fritz Thyssen Stiftung

    Musikwissenschaft
    Das musiktheaterwissenschaftliche Forschungsvorhaben zum Thema »Musik und Visualität« fragt nach dem ästhetischen Zusammenspiel von Musik und inszenatorisch eingesetztem Licht bei einer Opernaufführung. Methodisches Grundprinzip ist die Kombination von Partitur- und Librettoanalyse mit quellenkritischen Befunden aus Dokumenten aller Art, die Aussagekraft über die spezifischen Produktionsbedingungen sowie den historischen Aufführungskontext besitzen. Multimediale Lichtdramaturgien sind dynamische ›Bausteine‹ einer Oper bzw. ihrer szenischen Realisierung, die durch unterschiedliche Wirkmittel (Musik, Text, Versatzstücke des Bühnenbildes, Beleuchtung) erzeugt werden. Sie sind als Attribute von Bühnenfiguren oder Funktionsträger der Spielhandlung ›werkhafte‹ Elemente, die im Gegensatz zur atmosphärischen Beleuchtung auch aktiv in die Handlung eingreifen können oder symbolische Funktion besitzen.
    Für das venezianische Segment dieser Perspektive auf das Musiktheater stellt der bislang übergangene Initiator von Raum- und Lichtkunst, Antonio Codognato, einen vielversprechenden Untersuchungsgegenstand dar. Als »specchiaro« aus dem Glasmacherhandwerk kommend, wirkte er zudem städteübergreifend als Impresario, Szenograph gebauter Bühnenbilder und Verantwortlicher für neukonzipierte Zuschauerräume. Codognato machte – so eine Hypothese – das Illusionsspiel aus Bühnenbild und Beleuchtung zu einem konzeptionell gleichberechtigten ästhetischen Ausdrucksträger neben Musik, Gesang, Schauspiel und Tanz. Es deutet sich damit auch an, dass die Konsolidierung der Opera buffa im Venedig der frühen 1750er Jahre einherging mit szenographischen Experimenten, die dezidiert auf visuelle Effekte setzten und dem inszenatorisch eingesetzten Licht als eigenständigen dramaturgischen ›Baustein‹ einer Aufführung ein ganz neues Gewicht verliehen.
    Von April 2022 bis Oktober 2022

Zukünftige Stipendiaten


 

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