Renate Burri
Byzantinische Buchproduktion in Ost und West nach dem Fall Konstantinopels. Eine komparative Studie (1453– ca. 1500)
Postdoc-Projekt
Byzantinistik, Universität Fribourg (CH)
Welche Konsequenzen hatte die osmanische Eroberung Konstantinopels 1453, die in der Geschichtsschreibung das Ende des Byzantinischen Reiches besiegelt, für die Produktion byzantinischer Handschriften? Die mit dieser Zäsur einhergehenden vielschichtigen Transformationen beeinträchtigten die Voraussetzungen für die Herstellung byzantinischer Handschriften drastisch. Etwa ein halbes Jahrhundert später, gegen 1500, gewann zudem der Buchdruck spürbar an Bedeutung auch für griechische Schriftwerke und veränderte den Markt für byzantinische Handschriften nachhaltig, vor allem im westlichen Europa. Dieses Forschungsprojekt nimmt die Rolle byzantinischer Kopisten und ihrer Milieus in diesem Zeitraum der Umwälzungen und der dadurch hervorgerufenen Konfrontation mit Fremdem und Neuem in den Blick.
Das Projekt ist als Vergleichsstudie angelegt: Der Fokus liegt einerseits auf einer Auswahl byzantinischer Kopisten, die nach dem Fall Konstantinopels nach Westen (hauptsächlich Italien) oder in vom Westen dominierte Gebiete (insbesondere Kreta unter venezianischer Herrschaft) migrierten. Andererseits wird eine Gruppe byzantinischer Kopisten analysiert, die unter neuen Herrschern in der gefallenen Hauptstadt weiterlebten und wirkten.
Hauptgegenstand der Untersuchung sind griechische Handschriften als Objekte materieller Kultur, als multifunktionale Medien sowie als Textträger, die zu einem großen Teil Quellen griechischer Paideia (Bildung) und des Christentums enthalten, transportieren und bewahren. Während meines Forschungsaufenthalts am dszv werde ich mich vor allem mit den über dreißig Handschriften der Biblioteca Nazionale Marciana auseinandersetzen, die von Schreibern kopiert wurden, deren Handschriftenproduktion im Mittelpunkt meines Projekts steht.
Ziel dieser Studie ist es, eine bisher wenig erforschte Periode der byzantinischen Handschriftengeschichte komparatistisch und interdisziplinär auszuleuchten und die Ergebnisse historisch und soziokulturell zu kontextualisieren. Gleichzeitig soll die Brückenfunktion der Produktion byzantinischer Handschriften für die ost- und westeuropäische Zivilisations- und Wissensgeschichte vor dem Hintergrund historisch und religiös begründeter Animositäten und Abgrenzungen dokumentiert werden.
Von Februar 2026 bis Juli 2026