Deutsches Studienzentrum in Venedig

Oswald Egger

Oswald Egger

Entweder ich habe die Fahrt am Mississippi nur geträumt, oder ich träume jetzt Kunststipendium

Literatur

Alles, was nicht ein Leben lang Zeit hat, vergeudet sie, das heißt: Ein Autor, eine Autorin führt, solange er und sie schreiben, ihr Leben, und während und indem er und sie von ihr redeten, verliert die Erde an Gewicht. Ich habe nach und nach aufgehört, darüber zu befinden, was Sprache ist (Berührung); denn der Auszug aus der selbstverschuldeten Verständlichkeit, denke ich, ist mit dem verlinkt, was nicht gesagt ist: Der Sommer wird sehr groß sein, und zwar: Entweder ich habe die Fahrt am Mississippi nur geträumt, oder ich träume jetzt. Mir fiel auf, dass zunächst unscheinbare, bloße Vermutungen, eher dazu neigen, sich ausbreitend zu verzweigen, während zuerst vielversprechend anmutende, prägnante, oft fast Aussagebehauptungen postulierte schon in der eitlen Eigenlosigkeit ihrer bloßen Verpostelung verpuffen  (und sich dort nie wieder entfalten). Am interessantesten erschienen mir zunehmend diejenigen Dinge, die sich auf die sie voraussetzenden Bedingungen zurückführen ließen, deren Sinn gewissermaßen das gleichflächige Geflecht von Wegen zurücknimmt, den Fadenschein, auf dem er sich eingeschlichen haben wird, und die blind nie endenden, fliehenden Fäden des Anfangs davon. Ich schreibe meine Annahmen alle als ausmalende Beschreibungen, Notate, Ideen und Befunde in einzelnen Absätzen nieder (eine Verschränkung aus Hemingways Eisbergerei, dem opus sectile von Michel Butors Venedig, dem Dreh der Rede bei Roussel): Manchmal in längeren Serien über Wochen, oft über den gleichen Gegenstand wechselständig von einem Gebiet zum andern und übrigen überspringend (bis ihre Annahmen und Ausmaße zueinander stimmig sind): so dass die Sätze von einem Gegenstand zum nächsten ebenso stetig wie diskret und unmerklich erfolgen sollten, ohne Satz für Satz gegen ihre logische Anastomose in nur einer Richtung weiter zu zwingen, ohne ihr wesentliches und eigentliches Fließgefüge zu betrachten. Ein Meer von Begebenheiten, das Moiré aus Augenblicksgöttern, die vor dem ruhenden Auge vorüberziehen: Plötzliche, sofort wieder zerfallende, geborgte Bedeutungen, in Form von Worten und Formen ohne Worte: Wie ein Echo die Wirklichkeit Wort für Wort durch Wiederholung der Beschränkung auskostet wird, aber auf immer weniger Wirklichkeit trifft. Und ich kann es noch einfacher sagen: Nichts, was nicht ein Leben lang dauert, überdauert.

Von Juli 2020 bis September 2020