Matthias Kern
Die Bühne des Kosmopolitismus. Interkultureller Austausch, Kulturtransfer und Netzwerkbildung in der französisch- und italienischsprachigen Theaterpraxis des 18. Jahrhundert
Postdoc-Projekt
Romanistik
Das 18. Jahrhundert wird als Geburtsstunde der europäischen Aufklärung und damit als Beginn eines Interesses an der Ergründung der menschlichen Essenz fernab von nationalen Eigenheiten angesehen. In diesem Rahmen behauptet sich gerade in Venedig die Komödie als Verhandlungsraum des neuen Menschenbilds, wie es beispielsweise Pietro Verris Lob der goldonianischen Komödie zeigt. Dieses Menschenbild entspricht auf philosophischer Ebene den Idealen des Kosmopolitismus, der vornehmlich den aufgeklärten europäischen Bürger auszeichnen soll und ihn mit einem neuen Zivilisationsmodell paart, das ihm ermöglicht, seine Mitmenschen im Gleichheitsprinzip zu behandeln, unabhängig von ihrer Herkunft oder ihrem Stand.
Das Theater, welches in den europäischen Gesellschaften des 18. Jahrhunderts eine zentrale Stellung als kulturübergreifendes Kommunikations- und Unterhaltungsmedium einnimmt, formt demnach die Vorstellungen des Kosmopolitismus. Besonders deutlich wird dies gerade durch die französischen und italienischen Bühnen, die sich im gesamten Gebiet Europas verbreiten und dabei nicht nur einfache passeurs des zeitgenössischen Theaters der entsprechenden Sprachgebiete werden, sondern im Austausch mit den Kulturen ihrer Niederlassung eine besondere Interpretation von ‚französischen‘ und ‚italienischen‘ Stücken darbieten.
Mein Habilitationsprojekt soll deshalb das französisch- und italienischsprachige Theater der Aufklärung als kosmopolitisches Netzwerk betrachten, das auf mehreren Ebenen operiert: Kultursoziologisch gesehen entsteht ein europäisches Netz aus französischen und italienischen Bühnen mit den zentralen Knotenpunkten Venedig und Paris; aus einem theatertheoretischen Blickwinkel zeigt sich, dass insbesondere die Komödie zum Mediator sozialer Verhaltensregeln und Konventionen erhoben werden; bei der literarischen Analyse der Theatertexte erschließt sich schließlich die Herausbildung eines kosmopolitischen Handlungsethos als zentrales Thema der Komödiendichtung. Französisch- und italienischsprachige Komödien werden mit ihrer affektsteuernden Kraft demzufolge zur Bildung einer europäischen Zivilisation eingesetzt, die auf italienischen und französischen Gesellschafts- und Geselligkeitsidealen basiert. Der vorgegebene Kosmopolitismus schließt demnach auch hegemoniale Interessen der kulturellen Einflussnahme ein.
Von August 2026 bis April 2027