Deutsches Studienzentrum in Venedig

Alberto Bardi

Alberto Bardi

Kardinal Bessarion und die persische Astronomie
((Postdoc, monographische Studie))

Byzantinistik (LMU München, Prof. Dr. Albrecht Berger)

Seit der Mitte des 14. Jahrhunderts, als die Osmanen die Reste des byzantinischen Reichs zu erobern begannen, emigrierten griechische Gelehrte nach Italien und kamen unter anderem auch nach Venedig. Von ihren Kenntnissen profitierten auch die italienischen Gelehrten, die sie übernahmen und weiterentwickelten. Venedig zeigt sich damit als Brücke zwischen den westlichen und nahöstlichen Kulturen. Von daher lässt sich auch der Transfer des wissenschaftlichen Erbes der Byzantiner nach Europa durch die Vermittlung Venedigs verstehen, aber dieser Transfer und die Beziehungen zwischen byzantinischen und venezianischen Gelehrten sind bisher wenig erforscht und noch zu klären. Eine entscheidende Grundlage dafür ist die Handschriftensammlung des Kardinals Bessarion in der Biblioteca Nazionale Marciana in Venedig. Der wichtigste Teil des Erbes der griechischen Wissenschaft liegt in diesen Handschriften, die Bessarion 1468 der Stadt Venedig schenkte.
Bessarion ist einer der byzantinischen Gelehrten, die sich u.a. für Wissenschaft interessierte, und dabei besonders für Astronomie. Das Interesse Bessarions für die Werke des Ptolemäus (überhaupt für den Almagest) ist wohlbekannt, aber neue Hinweise lassen darauf schließen, dass er sich auch mit persischer Astronomie beschäftigt hat. In seiner Handschrift Marcianus graecus Z. 333 ist ein Text der persischen Astronomie überliefert, den Bessarion mit wichtigen Ergänzungen modifizierte. Dieser Text heißt Παράδοσις εἰς τοὺς περσικοὺς κανόνας τῆς ἀστρονομίας, also Darstellung der persischen Tafeln der Astronomie (künftig Paradosis). Er ist anonym und wurde kurz nach dem Jahr 1352 wahrscheinlich in Konstantinopel verfasst. Es geht um eine Anleitung zur Verwendung eines Systems persischer astronomischer Tafeln. Das Interesse Bessarions an der persischen Astronomie geht nicht nur aus seiner eigenen Abschrift hervor, sondern auch daraus, dass er vier Abschriften dieses Textes und eine lateinische Übersetzung besaß, die sich in der auf die Jahre 1408–22 datierbaren Handschrift Marcianus latinus VIII 31 befindet. Die Bedeutung der Paradosis in Byzanz wird durch die Qualität der Handschriften bewiesen, die diesen Text überliefern, und die Gelehrten, die ihn kopiert haben, nämlich Isaak Argyros, Theodoros Meliteniotes, Johannes Chortasmenos und eben Bessarion. Sie sind die bedeutendsten byzantinischen Gelehrten des 14. und 15. Jahrhunderts.
Der griechische Text der Paradosis ist in meiner Dissertation ediert (Kritische Edition, editio princeps), aber ein Vergleich mit der lateinischen Übersetzung kann dort nicht geboten werden.
Die Handschrift Marcianus latinus VIII 31 wird direkt im Handschriftlesesaal der Marciana untersucht. Die neuen Daten werden in den Kontext der byzantinischen und venezianischen Gelehrtenwelt des 15. und 16. Jahrhundert eingefügt und diskutiert. Insgesamt werden die Ergebnisse dieser Untersuchung einen Beitrag zum besseren Verständnis des Übergangs der Wissenschaft von Byzanz nach Venedig leisten. Dieser Beitrag ist interdisziplinär und bewegt sich in den Forschungsgebieten der Byzantinistik, der Wissenschaftsgeschichte und der Geschichte von Venedig.

Dezember 2017

Von Mai 2018 bis August 2018